Der Grand-Prix der Joiker
Die letzten Besucher haben Platz genommen und der Saal ist mit bis auf den letzten Platz besetzt. Der einzige Schmuck auf er Bühne besteht aus Rentierzeichnungen, die an Felsmalereien erinnern. In der Mitte der Bühne steht einsam ein Mikrofon. Plötzlich erlischt das Licht. Das allgemeine Gemurmel der Zuschauer verstummt und es wird absolut still. Diese erwartungsvolle Ruhe in vollkommener Dunkelheit hält einige Sekunden an, bis sie durch einen langgezogenen Laut, zunächst kaum vernehmbar, unterbrochen wird. Für den ungeübten Zuhörer ist zunächst nicht einzuordnen, welcher Art dieser an eine Klage erinnernde langgezogene Ton darstellt. Langsam und fast unmerklich wird die Klage lauter und es mischen sich andere Töne in die inzwischen als menschlichen Gesang erkennbare Tonfolge. Dann lässt das schwache Licht eines Scheinwerfers auf der Bühne ein menschliches Gesicht erkennen. Zunächst nur ganz schwach und im Dunkel nur schwer zu erkennen.
Der Gesang auf der Bühne wird lauter, während gleichzeitig das Licht heller wird, das lediglich den Kopf des Sängers beleuchtet. Nun ist Jarl zu erkennen, der Rentierzüchter aus Maze, einer kleinen Samensiedlung am Kautokeinoelva. Heute singt er wieder, wie jedes Jahr zu Ostern, in der großen Festhalle zu Kautokeino seine Joiks. Der Gesang, ohne instrumentale Begleitung erfüllt den Raum und erfasst die Zuhörer. Innerhalb weniger Minuten ensteht eine beinahe spirituelle Stimmung. Für den Mitteleuropäer klingen die Lieder zunächst fremd ond unverständlich. Aber bereits nach kurzer Zeit nimmt auch ihn diese Musik gefangen, auch wenn er deren wortlaut nicht versteht.
Wenn Jarl am Ostersonntag in der grossen Festhalle zu Gouvdageeidnu (Kautokeino) seine Joiks singt, dann singt er von der Zeit, als die Samen noch Nomaden waren; als es noch Fisch im Überfluss gab und Pelztiere wie Hermeline, Marder, Wölfe und Vielfrass in die Fallen gingen; als das Land noch Gemeinschaftseigentum war und es keines Protestes bedurfte, die Natur und damit die eigenen Lebensgrundlagen zu erhalten. Er singt von einer Zeit, als Mensch und Natur noch im Gleichklang miteinander lebten.
Er singt aber auch von der Zeit, als noch keiner Genehmigung oder gar einer Demonstration bedurfte, um die eigene Geschichte, die eigene Kultur und die eigene Sprache zu leben.


